Kampf dem Lokalrivalen

Ganz unten riecht der Fußball noch nach Rasen, Finalgon und Kreide. Ganz unten spielen nicht Teams gegeneinander, sondern ganze Dörfer. Ganz unten steht man für ihn ein, seinen Verein.

Allesamt Leitsätze, die viele bereits in frühester Fussballjugend wahrnahmen und vermittelt bekamen. Dabei kam insbesondere der Lokalpatriotismus nie zu kurz. Dieser war zwar bereits damals auf wenige Quadratkilometer beschränkt, eine Gemarkung aus ein paar Häusern und Feldern, dafür aber umso hitziger ausgeprägt.

Auch nach fast 20 Jahren sind die Erinnerungen kaum verblasst. Denke ich an meine fussballerischen Anfänge zurück, kommen mir nicht nur die ersten katastrophalen Fehlpässe und brütend heißer Pausentee in den Sinn, sondern vor allem eins: Wenn das “große“ Derby in der C-Jugend-Kreisklasse bevorstand, kam es in der Schule zu persönlichen Reibereien unter den rivalisierenden Kickern und die Psychospielchen nahmen teilweise abenteuerliche Ausmaße an. Umhüllt war das ganze von Vorfreude und Hoffnung auf den langersehnten Derbysieg.

Eigentlich waren wir ja alle Vereine aus Bauerndörfern, die ein Zugereister nicht hätte unterscheiden können. Hatten sie doch alle eine Kirche, einen Friedhof, eine Freiwillige Feuerwehr, sowie einen Tante-Emma-Laden. Dennoch gab es einen entscheidenden Unterschied. Wir sind wir und das sind die anderen.

Das wurde dann auch auf dem Rasen deutlich. Im Mittelkreis versammelten sich vor Spielbeginn vierzehn Jünglinge, Sieben gegen Sieben auf dem Kleinfeld, mehr gab so ein Dorf ja nicht her. Wir trugen zu große oder zu enge Trikots, je nach Gewichtsklasse, in willkürlich gewählten Farben und mit einem stets insolventen Brustsponsor. Unmittelbar nach Anpfiff ging es dann auch neben dem Spielfeld heiß her. Während einer der Familienväter sich mit dem Unparteiischen (der meistens ein parteiischer Nicht-Schiedsrichter der Heimmannschaft war) anlegte, krakelte der Übungsleiter quer über das Spielfeld und versuchte sein Team mit Standard-Floskeln wachzurütteln. Und das ganze trotz 0:8 Rückstand.

Denke ich an diese Zeit zurück, muss ich unweigerlich schmunzeln. Wenngleich diese Momente viel Situationskomik beinhalten, haben sie mir auch aufgezeigt, dass der eigene Verein mehr als Zeitvertreib sein kann. Entwicklungshelfer, Lehranstalt und sogar Lebensinhalt. Und das gilt es zu schützen. Erst recht, wenn es einen Verein in nächster Nähe gibt, der das gleiche für sich beansprucht und um die Gunst der örtlichen Kicker und Anhänger buhlt. Hier kann es nur einen geben!

Jedoch hat der demographische Bevölkerungswandel vor einigen Jahren eine Entwicklung ausgelöst, die unaufhaltsam scheint und die eine große Wirkung mit sich bringt, auch im Vereinsleben. Ein leidiger Bestandteil ist die Einführung von Spielgemeinschaften. Ein Zusammenschluss von verschiedenen, häufig lokalen, Vereinen, um mit zunehmendem Spielerschwund die jeweilige Teilnahme am Spielbetrieb zu sichern. Eine nachvollziehbare Praktik, die mittlerweile nicht nur bei den Junioren, sondern auch im Herrenbereich vollzogen wird. Somit stirbt er aus: der Lokalrivale! Die Leidtragenden sind die nächsten Generationen und vor allem die Vereinskultur.

Schließlich sind es gerade im Amateurfussball die kleinen Anekdoten und örtlichen Scharmützel, die das Besondere und den Unterschied zum finanziell ausgerichteten Profisport ausmachen. Lacht man sich doch in Kruge immer noch ins Fäustchen, wenn man an die Geschichte zurückdenkt, als der eigene Vereinspräsident mit dem Rasenmäher einen “TITANIA“ Schriftzug in das Spielfeld des SV Beiersdorf mähte und die Roten Rüben an eine Weiterentwicklung der Kornkreise glaubten.

Daher sollten wir die letzten Züge dieser schwindenden Zeit ausgiebig nutzen, denn die Dauer scheint ungewiss. Dazu gehört es zu frotzeln, zu sticheln, zu provozieren und auch mal über das Ziel hinaus zu schießen. Wenngleich dabei sowohl die nötige Portion Humor, als auch der notwendige Respekt auf allen Seiten nie verloren gehen sollte, steht trotz demographischem Wandel bis auf alle Ewigkeit fest: keiner pisst in unser Revier!

Aber alles Ansichtssache.

2 Antworten auf „Kampf dem Lokalrivalen“

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